Malen erschafft Begegnung

Kürzlich habe ich begonnen, wieder einmal eine Hauswand zu bemalen.
Als Motiv und auch als Vorlage dienen mir Wildkräuter und Blumen aus dem Garten. Erst dachte ich, ich würde die Pflanzen stilisiert an die Wand bringen. Doch als ich mit dem Malen begann, wurde in mir das Bedürfnis immer stärker, die Pflanzen so detailgetreu wie möglich an der Wand zu verewigen.

Ich bin bei weitem kein Experte in Kräuterkunde, setze mich jedoch seit einer Weile mit diesen Wesen in unserem Garten etwas näher auseinander. Ich lerne immerzu Neues über ihre zauberhaften Fähigkeiten. Und ich schätze sie mit jedem Tag mehr.
So kamen sie mir natürlich als Erstes in den Sinn, als ich nach einem Motiv für die Hauswand Ausschau hielt.

Begonnen habe ich mit der weisen und hoch geschätzten Schafgarbe.


Später folgten noch ein paar andere Kräuter.
Das Erstaunliche an diesem Projekt ist, dass ich aus dem Staunen gar nicht herauskomme. 🙂

Es ist eine Sache, etwas über ein Heilkraut in einem Buch zu lesen oder ein Bild von ihm zu betrachten. Eine ganz andere Sache ist es, diese Pflanze genau zu studieren, um sie anschließend selber zu zeichnen. Auf diese Weise wird eine Nähe geschaffen, die das alleinige Betrachten eines bereits fertigen Bildes in den Schatten stellt.

Hinzu kommt noch der Größenunterschied. Wenn ich eine Pflanze in Originalgröße oder auch etwas kleiner in einem Skizzenbuch festhalte, hat das eine sehr schöne und verbindende Qualität. Wenn ich diese Pflanze jedoch etwa fünf bis zehn Mal so groß an eine Wand übertrage, dann ist es, als würde ich sie noch tiefer wahrnehmen – wie durch ein Vergrößerungsglas!

Auf diese Weise hatte ich bereits ein paar atemberaubende Begegnungen mit Pflanzenleuten. 🙂

Die Schafgarbe zum Beispiel hat mir gezeigt, dass jede ihrer Blüten fünf Blütenblätter trägt.
Genau fünf – nicht mehr und nicht weniger!
Das ist tatsächlich an jeder Blüte so. Ich habe es überprüft. Ich habe mir etliche Schafgarben angesehen. Alle Blüten besitzen fünf Blättchen.
Das ist äußerst beeindruckend, finde ich.

Wie funktioniert das?
Wer kümmert sich darum, dass alles diese wundervolle Ordnung hat?

Auch mit Frau Schöllkraut hatte ich eine sehr feine Begegnung.
Sie hat mir ihre natürliche und wohltuende Symmetrie offenbart.
Ich muss gestehen, diese ist mir vorher noch nie aufgefallen, obwohl ich schon häufiger Schöllkrautblättchen gepflückt habe.
Als ich dann eine Pflanze vor mir hatte und sie genau studiert habe, bevor ich sie auf die Hauswand übertrug, war ich überwältigt. Was für eine Ausgewogenheit! Beide Seiten sind fast gleich. Und eben dieses ganz selbstverständliche „FAST GLEICH“ schafft eine bewegte, lebendige Ordnung.
Seit dieser Begegnung habe ich das Gefühl, Frau Schöllkraut und ich sind uns noch näher.


Wer sorgt dafür, dass so eine urnatürliche Symmetrie in diesen Pflänzchen lebt?

Eine unaufdringliche Symmetrie ist es. Kein Dogma. Keine Starre. Sondern freudig pulsierendes Gleichgewicht.

Und so geht es weiter. Immer wieder treffe ich interessante Wesen auf der Wiese.
Jedes von ihnen hält seine eigenen Überraschungen für mich bereit.

Ich erkenne einmal mehr, dass ich, wenn ich etwas durch und durch begreifen will, es einfach nur malen muss. Und zwar im Detail. Mit ganz viel Liebe zum Detail.
Und wenn die Liebe zum Detail so groß ist, dass ich ganz tief darin eintauche, dann geschieht etwas Wundervolles.
Das Leben ist ein Kreis. Es hat keinen Anfang und kein Ende. Das Winzigste und das Allergrößte berühren einander in diesem Kreis. Sie sitzen an ein und derselben Stelle.
Wenn ich also in ein winziges Detail eintauche und mich über das Malen tiefer und tiefer hineinliebe, dann tauche ich in einer unfassbar großen, allumfassenden, grenzenlosen Weite wieder auf.
Dort finde ich die Antwort auf meine Fragen:

Wer kümmert sich darum, dass alles diese wundervolle Ordnung hat?
Wer sorgt dafür, dass so eine urnatürliche Symmetrie in diesen Pflänzchen lebt?

Von dieser bereichernden Reise wollte ich Euch gern erzählen.
Vielleicht habt Ihr nun Lust bekommen, auch einmal etwas auf diese Weise zu malen und zu erleben.
Malen verbindet. Wenn wir mit Liebe malen, verbinden wir uns mit dem, was wir malen. Wir erleben es tief und weit und innig – und möglicherweise auch ganz neu.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich vor einigen Jahren, als ich am Meer die Gischt auf dem Sand eingehend betrachtete und diese anschließend detailliert auf dem Papier festhielt. Hier seht Ihr die Zeichnung aus meinem Hiddensee-Skizzenbuch.


Diese Art des verbindenden Malens funktioniert nicht nur bei Pflanzen. Auch das Wasser lässt sich gern zeichnen, ebenso wie Tiere, Steine, Muscheln oder Holz…
Das Leben birgt so viele Geheimnisse in sich, die alle von uns entdeckt und bestaunt werden wollen.

Mögen unser aller Augen und Herzen das Leben in Verbundenheit betrachten.
Und mögen unsere Hände die Erde in Verbundenheit berühren.

Wertschätzende Grüße an Euch Lesende und bis bald wieder!
Ulrike

27. September 2022

Posted In: Ganz NEUE Kunstwerke, Intuitives Malen & Zeichnen

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3 Gedanken zum Artikel "Malen erschafft Begegnung"

  • Vera Jahnke sagt:

    Wunderschön! Deine Bilder anzuschauen ist jedes Mal eine Wohltat! Besonders die Gischt hat mir sehr gefallen. Wie viel Schönheit liegt doch in den kleinen Dingen, die wir oft erst viel zu spät schätzen lernen…
    Herzlichen Dank!

  • Danke, Anita, für Deine Worte. 🙂
    Oh, das Hirtentäschel ist auch ein besonderes Wesen. Davon ist mir im Garten bisher nur ein Exemplar begegnet. Mal schauen, ob es noch mehr werden…
    Sei auch Du herzlich gegrüßt und hab weiterhin viel Freude beim Bestaunen der urnatürlichen Symmetrie in den Menschen und Pflanzen und Tieren und Dingen.
    Ulrike

  • Anita sagt:

    Wunderschön, Ulrike. Das berührt mich gerade tief…dieses Empfinden der URnatürlichen Symmetrie… Beim Lesen deiner Worte spürte ich, dass sich – für mich- die detailgenaue Wahrnehmung auch auf Menschen übertragen läßt und bei aller “Holprigkeit” im Verhalten stets auch eine Art urnatürliche Symmetrie da ist…. Ich weiß nicht, ob klar wird was ich meine… doch ich fühle das gerade ganz stark.

    Meine Lieblingsheilpflanze ist das Hirtentäschel, das zeichnete ich auch schon mehrfach um in die Qualität dieser Pflanze tief einzutauchen. Die Herzkraft nach Innen lenken, um überhaupt blühen zu können.

    Es grüßt dich und auch die andere Ulrike
    sehr herzlich, Anita

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