Achtsames Online-Marketing – ein Interview

Vor einer Weile habe ich ein Interview im Rahmen des Digital Spirit Summit gegeben. Für alle, die nicht wissen, was Summit heißt –ich wusste es auch nicht, hab’s aber gleich nachgeschaut– auf Deutsch: Gipfel. Aha! 🙂
Ich habe Euch bereits im Newsletter davon berichtet. Die Interviews des Online-Kongresses waren jeweils für 24 Stunden kostenlos freigeschaltet. Einige haben sich mein Interview angeschaut und mir dankbare Nachrichten geschrieben. Danke hierfür! 🙂 Hier nun ein paar Ausschnitte aus meinem Interview. Wenn Euch das Thema interessiert, findet Ihr vielleicht noch ein paar interessante Gedanken in meinen Worten.
Viel Freude beim Lesen und ich freue mich über Eure Kommentare dazu! 🙂


Markus:
Das Marketing, mit dem wir groß geworden sind, kann ja sehr manipulativ sein. Da finden wir es spannend, mit Leuten wie dir zu sprechen. Ich fände es schön, wenn du ein bisschen erzählst, wie es bei dir angefangen hat, welche Schwierigkeiten auftraten und wie du diese überwunden hast.

Ulrike:
Mein Start war eher analog. Ich hab damals angefangen mit einem Bauchladen, mit dem ich auf Kunsthandwerkermärkten herumgelaufen bin und kleine Werke verkauft habe. So richtig schön nah beieinander – ohne Mindestabstand! – mit viel Kundenkontakt und auch Direkt-Feedback. Später hatte ich größere Marktstände. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich auf den digitalen Zug aufgesprungen bin. Ich habe mich ewig gewehrt, Facebook beizutreten. Als ich das dann aber gemacht habe, war für mich ein entscheidender Aspekt, dass es Spaß macht und dass es spielerisch geschieht. Ich hab Facebook anfangs viel als Spielplatz genutzt, hab aus Spaß gezeichnet oder eine Fotocollage am Computer zusammengebastelt und geteilt – OHNE Absicht. Nicht, weil ich etwas verkaufen oder auf etwas aufmerksam machen wollte, sondern einfach weil ich Spaß an der Sache hatte. Und ich habe gemerkt, dass es durch die Freude gewachsen ist.
Das war und ist für mich immer noch der Hauptkompass für das erfolgreiche Tun: dass es Spaß macht und dass es mit Leichtigkeit geschieht.

Markus:
Ich denke, danach sehnen sich viele. Wenn sie jedoch denken ‚Oh Gott, ich muss mich jetzt vermarkten, verkaufen, auf mich aufmerksam machen‘, dann kommen ja auch alle möglichen internen Dialoge und Gefühle hoch. Hast du vielleicht einen Tipp wie man da Spaß reinbringen kann?

Ulrike:
Ich habe beobachtet, dass wir jetzt durch dieses vermehrte digitale Walten in unserer Welt fast zwei Identitäten haben: eine offline und eine online. Viele, gerade auch junge Menschen, geben viel mehr von ihrer Energie in die digitale Identität, als in die analoge. Für mich ist es ganz wichtig, dass die analoge Identität „stimmt“, dass sie erfüllt ist, dass sie pulsiert, dass sie durch und durch lebendig ist. All das Organische: Wie schmeckt mein Getränk? Wie geht’s mir heute? Wie fühlt sich mein Körper an? Schlägt mein Herz mit Freude? Wie riecht die Farbe, mit der ich gerade arbeite? Wenn da der Schwerpunkt liegt, hab ich die Erfahrung gemacht, dass die digitale von der analogen Identität mit genährt wird und somit viel authentischer, kraftvoller ist und auch die Menschen mehr erreicht.

Markus:
Die Sensorik des LIVE-Lebens. Man nennt es ja witzigerweise heute schon „offline“, als wäre das das zweite Leben. Als wäre „online“ das eigentliche, und „offline“ bin ich dann, wenn ich gerade nicht „on“ bin. Ich glaube, es ist ein schöner Hinweis, das Eigentliche, Sensorische, Verkörperte wieder in den Mittelpunkt zu stellen oder im Mittelpunkt zu behalten.

Ulrike:
Ich bespreche in meinen Ausbildungsgruppen mit meinen Leuten oft das Thema Werbung. Wie präsentiere ich mich? Gerade auch im Internet. Und ich habe des Öfteren gehört, dass Leute, wenn sie an einem Kunstwerk arbeiten, einen inneren Druck aufbauen: ‚Ich muss das Bild jetzt fertig malen, weil ich es auf Instagram posten muss!‘ Dann ist der kreative Prozess, der ja sonst relativ frei geschieht, ohne Internet und „Überwachung“ durch das eigene Smartphone, an nichts gebunden.
Sobald dieser Gedanke im Hinterkopf ist: ‚Ich muss wieder etwas posten!‘ und ‚Ich muss dieses Bild fertig malen!‘, wird der kreative Prozess blockiert.
Das ist nicht das, was wir wollen. Wir wollen ja die Netzwerke nutzen, um unseren freien kreativen Prozess mit anderen Menschen zu teilen und nicht um uns von unserem Instagram-Konto beherrschen zu lassen.

Markus:
Ja gut, aber dann kommt vielleicht der Marketing-Coach der Leute oder sie haben im Netz gesehen, dass man sich einen Marketing-Plan machen muss. ‚Jetzt am Freitag muss wieder etwas raus!‘ Du verfolgst da einen anderen Ansatz…?

Ulrike:
Ich denke schon, dass Disziplin wichtig ist. Es ist ein schmaler Grat, auf dem man sich da bewegt. Der Plan ist da. Der Plan sollte aber immer auch ein Stück flexibel bleiben. So, dass wenn Freitag das Posting ansteht, man aber Freitag überhaupt nicht in der Stimmung ist, es auch ok ist, wenn man das am Samstag macht – ohne dass gleich alles zusammenbricht. Ein guter Plan ist auch ein Stück flexibel.

Markus:
Genau das ist der Knackpunkt. Es ist relativ verbreitet, so etwas immer weiter aufzuschieben oder gar nicht zu machen. Daher sagen viele ‚Mach dir einen Plan und zieh das durch!‘ Weil sonst dieser Schlendrian und/oder diese Zurückhaltung einsetzt – und dann passiert es  gar nicht. Aber ich kann nachvollziehen, dass dabei das Spielerische und die Freude verlorengeht.

Ulrike:
Es ist wirklich eine hohe Kunst. Eine sehr hohe Kunst.

Markus:
Wie hast du den Übergang gemanagt von ‚Das drücke ich aus. Das ist mir wichtig!‘ zu ‘Damit verdiene ich mein Geld‘?
Was ist dir da schwer gefallen? Was kannst du anderen mit auf den Weg geben?

Ulrike:
Es war ein ganz sanfter Übergang, fast unmerklich. Mein Geschäft ist gewachsen wie ein Baum. Es hat sehr lange gedauert -mehrere Jahre, genau genommen sieben Jahre- bis es ein Bäumchen mit einem relativ stabilen Stamm war.
Ich habe immer gewusst, dass es für mich wichtig ist, ihm diese Zeit zu geben, damit es aus sich heraus ein starker Baum wird. Existenzangst kenne ich. Ich habe jedoch geübt, in mir und in meinem Leben trotz der äußeren Umstände -wie z.B. einem leeren Konto- einen Raum zu erschaffen, in dem Fülle und Spielkraft herrscht. Es ist nicht leicht gewesen, es war ein hartes Training. Es musste etliche Male passieren, bis ich es begriffen habe. Wenn ich mich immer mehr durch Sorgen verengt habe, dann ist alles zugegangen, auch der Geldfluss.
Wir sind ja mächtige schöpferische Wesen, wir Menschen. Wir sind in der Lage, wenn etwas schwer ist, in uns eine Leichtigkeit zu erzeugen. Oder wenn wir krank sind, können wir einen Raum der Gesundheit in uns erzeugen. Wenn wir das üben und es immer besser können, dann sehen wir die Wirkung.

Markus:
Jetzt in dieser Zeit mögen sich einige unter Druck fühlen, schnell ins Internet zu gehen und dort Angebote zu kreieren. Das kollidiert vielleicht ein wenig mit dem, was wir davor besprochen haben. Vielleicht fühlen die Leute, dass es eigentlich länger braucht, aber jetzt kommt der Druck auch von außen. Wenn ich das richtig verstehe, war das bei Dir nicht der Fall. Hast du dennoch einen Hinweis, wie man damit umgehen kann? Dass man sich nicht so in diesem Zeitdruck verheddert?

Ulrike:
Also auf jeden Fall ist es hilfreich in Bezug auf diese neuen geschäftlichen Herausforderungen ein positives Gefühl in sich zu entwickeln oder ein neugieriges. Klar bin ich dafür, neue Herausforderungen anzunehmen. Es ist ja auch ein spannendes Experimentierfeld.
Auch ist es hier wieder hilfreich, diesen Raum in uns zu erzeugen, wo wir nicht im Mangel sind, wo wir nicht unbedingt BRAUCHEN. Ja, wir brauchen, das ist eine Wahrheit. Die ist sowieso im Raum. Deswegen ist es wichtig, dass wir zusätzlich noch diesen Raum erzeugen, in dem alles da ist. Auch wenn es sich zum Anfang wie eine Lüge anfühlt.
Es ist jedoch einfach die ANDERE Information, die AUCH wahr ist. Es ist alles da.
Wenn wir es schaffen, diesen Raum in uns zu erzeugen, können wir die Menschen berühren. Gerade in diesen Zeiten, wo viele Leute in Angst oder Ungewissheit leben, ist es gut, wenn wir etwas GEBEN können. Wenn wir vermitteln, dass wir so viel haben, dass wir etwas geben können. Ich meine nicht verausgaben. Ich meine, aus dem eigenen Überfluss heraus geben. Wenn das spürbar ist für die anderen Menschen, dann denke ich, dass unsere Angebote in Anspruch genommen werden.

Markus:
Letztendlich kommt man nicht drumherum, mit dem umzugehen, was man präsentiert bekommt. Das ist die große Herausforderung in der Selbständigkeit. Darauf muss man sich einlassen. Diese Ungewissheit und Veränderbarkeit zu tanzen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu einem mehr auf Sicherheit ausgerichtetes Leben.

Ulrike:
Ja, auf jeden Fall. Und es ist unerlässlich, dass wir einen achtsamen Umgang mit uns selber pflegen. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass da zwei innere Instanzen helfen. Ich nenne sie die innere Mütterlichkeit und die innere Väterlichkeit. Gerade heute ist es gut, wenn die mütterliche Liebe in uns Trost spendet, Zuversicht schenkt, ab und zu im Arm wiegt und Verständnis dafür hat, dass wir uns mal beklagen. Die väterliche Liebe ist die, die ermutigt, die auch dazu auffordert, sich über eigene Grenzen zu bewegen. So wie der Papa, der mit dem kleinen Kind am Klettergerüst spielt. Die Mutter macht das nicht, das macht der Vater. So ist es auch in uns. Die väterliche Liebe fordert auf zu Disziplin, zum Dranbleiben, zum Nicht-Hängenlassen, zum Keine-Entschuldigung-Finden. Gleichzeitig ist die mütterliche Liebe da – weich und zärtlich. Wenn diese beiden Instanzen gut miteinander funktionieren, dann haben wir ein ganzes Stück den Dreh raus.

Markus:
Das finde ich schön. Es braucht wirklich beides, wenn ich auf meinen eigenen Weg und die Herausforderungen schaue. Hast du angeregt durch unser bisheriges Gespräch noch irgendetwas auf dem Herzen, was du erzählen möchtest, ohne dass ich konkret danach frage?
Willst du den Leuten noch etwas mitgeben?

Ulrike:
Ja, da ist etwas, worüber ich in den letzten Tagen vermehrt nachgedacht habe…
Manchmal sehe ich Postings auf Facebook oder Instagram von Leuten, wo ich richtig spüre, dass das alles sehr professionell geschieht. Das ist dann für mich ein Hauch zu professionell, so dass es sich fast ein bisschen kalt anfühlt. Das stößt mich ab. Ich glaube, dass es wirklich wichtig ist, dass wir in diesen Zeiten Menschlichkeit in alles, was wir tun, einbringen. Im Social Media Marketing bedeutet das, dass wir einfach mal eine Kaffeetasse posten oder wie wir in die Sonne schauen, ein Selfie, einfach Dinge, wo man spürt ‚Das ist ein Mensch, der hat eine Seele, und die pulsiert, die atmet!‘
Die Wärme, die durch unsere seelische Tätigkeit entsteht, müssen wir jetzt extrem hochfahren und miteinander teilen, um einander daran zu erinnern. Wir leiden gerade alle mehr oder weniger unter der Kälte, die durch die Distanzierung entsteht. Da ist es gut, wenn wir uns gegenseitig so viel Menschlichkeit schenken, wie wir können. Das geht auch über ein Foto, über einen Satz, über ein lustiges Posting, das wir selber erschaffen haben. Ich meine nicht, einfach weiter teilen, sondern selber seelische Energie aufwenden und damit etwas erschaffen und dies teilen. Einfach nur so. Einfach, weil wir ein Mensch sind und weil wir die anderen Menschen lieben und auch vermissen. Das ist etwas, was ich gerade noch sehr wichtig finde.

Markus: Ja, wundervoll. Das würde ich gern so schwingend stehenlassen und mich einfach bei dir bedanken für das Interview.

15. Dezember 2020

Posted In: Rückblicke & Einblicke

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