10 Flashbacks – 10 Werke aus meinem Kunststudium

Wie Ihr wisst, sind wir gerade dabei, unsere neuen Atelierräume herzurichten und mit all unseren “Arbeitssachen” dahin umzuziehen. Das ist ein spannendes Unterfangen, denn es entpuppt sich als viel umfassender, als ich mir zu träumen gewagt hatte. Durch die so viel größeren Räume ist eine komplett neue Ordnung gefragt. Außerdem habe ich mich vor kurzem tagelang durch alte Mappen und Kisten gewühlt, die seit Jahren in der hintersten Ecke meines Schranks lagen und die im Zuge des Umzugs unbedingt nach einer Ausmist-Aktion verlangten.

Hierbei fielen mir viele alte Werke in die Hände. Auch aus meiner Studienzeit. Einige davon hatte ich schon ganz vergessen. Ich habe nicht viel aus dieser Zeit aufgehoben. Im Grunde bin ich da sehr rigoros und werfe gern alles weg, was ich für “nicht aufhebenswert” halte. Vor einigen Jahren gab es mal ein Lagerfeuer, mitten im Januar, bei dem ich Unmengen von alten Zeichnungen, Skizzen und Studienwerken verbrannte. Das tat gut! Und alles, was von dieser Aktion übrig blieb, fand ich vor ein paar Tagen wieder. Es war wie eine Zeitreise. Ich fühlte mich zurück versetzt in die Jahre 1997 bis 2002.

Wenn Ihr meinen Werdegang ein wenig kennt, wisst Ihr vielleicht auch über meine Erfahrungen während des Kunststudiums bescheid. Ich erfuhr nicht viel Bestätigung und hielt das, was ich tat, für nicht besonders gut. Doch als ich neulich die Werke in der Hand hielt, die ich damals mit viel Liebe und Hingabe anfertigte, sah ich sie noch einmal mit ganz anderen Augen. Was ich damals zeichnete war keineswegs so schlecht wie ich glaubte.
Hier und heute möchte ich zehn der damals entstandenen Werke gern mit Euch teilen. So lange habe ich die Bilder in einer dunklen Ecke aufbewahrt. Es ist Zeit, dass endlich Luft und Licht an die Sachen kommt! Also lade ich Euch ein, mit mir durch die Zeit zu reisen und die zehn Flashbacks (Rückblicke) zu genießen!

Flashback #1

In meinem zweiten Studienjahr bekamen wir einen neuen Dozenten für das Fach Illustration. Mit ihm machte der Unterricht meist richtig viel Spaß, und er gab uns auch jede Woche spannende Hausaufgaben auf. Einmal bat er uns, unsere Küche zu zeichnen, mit so vielen Details wie möglich – quasi wie ein Momentaufnahme, ein Schnappschuss, festgehalten mit Papier und Stift. Das tat ich mit Begeisterung. Von meiner eigenen Küche gibt es zwar keine Bilder mehr zum Zeigen (Lagerfeuer!), doch da ich damals so begeistert bei der Sache war, setzte ich meine Zeichen-Aktionen auch in den Küchen anderer Leute fort. Hier seht Ihr eine Zeichnung, die ich in der WG-Küche einer Studiumsfreundin anfertigte. Das hat mir riesigen Spaß gemacht!

Flashback #2

Wir hatten im Grundstudium auch Fächer wie Naturstudium und Aktzeichnen.

Im Fach Naturstudium zeichneten wir alle möglichen Dinge, die uns vor die Nase gesetzt wurden: Spinnräder, geometrische Körper (ja, so richtig mit Perspektive und so!), alte Schuhe oder andere Gegenstände vom Trödelmarkt… Manchmal gingen wir in den Zoo, um Tiere zu zeichnen.

Inspiriert davon hab ich meine Nachmittage eine Zeit lang im Park verbracht und Bäume gezeichnet. Das hat mir sehr geholfen, als ich mich nach dem Umzug von meiner Heimatstadt Berlin nach Leipzig oft entwurzelt und allein gefühlt habe. Es war zwar Herbst und auch ziemlich kalt draußen, doch ich vertiefte mich ganz in die Strukturen der Bäume, in all die Einzelheiten, die Äste und Zweige und fand so ein Stück mehr Frieden und Halt.

Danke, liebe Bäume! ♥

Flashback #3

Hier seht Ihr einen Holzschnitt! Das ist mein erster “richtiger” Holzschnitt, d.h. einer mit einem Bild-Motiv statt nur mit Übungslinien drauf. Als Vorlage diente eine Skizze, die ich in Groningen (Niederlande) in meinem Skizzenbuch, das ich zu dieser Zeit immer bei mir trug, festhielt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich dort am Ufer auf einer Treppe saß und die Szene mit Bleistift einfing.
Ich mochte die Holzschnitt-Werkstatt an der Kunsthochschule sehr. Sie war ganz oben auf dem alten Dachboden. Dort roch es immer nach Farben, nach Holz und so richtig schön geheimnisvoll. Noch heute fertige ich gern Linolschnitte an. (Ihr kennt bestimmt meine “Irischen Segen” aus dem Kunst-Shop, oder?) Das sind zwar keine Holzschnitte, aber ein guter und unkomplizierter “Ersatz” dafür. Linoldrucke lassen sich leicht auch ohne Druckerpresse und ohne langes Vorbereiten der Holzplatten anfertigen.

Flashback #4

Eins meiner absoluten Lieblingsfächer im Grundstudium war der Schriftunterricht. Das lag unzweifelhaft an der hingebungsvollen Professorin. Sie liebte Buchstaben und Schriften und steckte uns mit ihrer Leidenschaft dafür ziemlich schnell an. Bei ihr haben wir viele freie Schrift-Grafiken angefertigt – Kompositionen aus Buchstaben, Worten, Klecksen und Linien.

Wir haben aber auch stundenlang das Alphabet mit Feder und Tusche geschrieben. Immer wieder. Bis jeder Buchstabe so nah an die Perfektion heranreichte, wie es uns möglich war. Puuuh, was haben wir da geschwitzt! Doch ich liebte es!
Dank dieses Unterrichts kann ich heute eine astreine Druckschrift aufs Papier werfen, wenn es nötig ist. Genauso wie ich auch die krakeligste Krakelschrift fabrizieren kann. Denn beides durften wir bei unserer Professorin fleißig erforschen und üben. Hach ja…

Flashback #5

Dies ist eine Lithografie, ein Steindruck.
Nach meinem ersten Studienjahr verbrachte ich in den Semesterferien einige Wochen in Brüssel, um an einem Kunstprojekt teilzunehmen.
Ich mochte die Stadt und saugte alle Eindrücke, die ich dort fand, wie ein Schwamm auf. Überall hatte ich mein Skizzenbuch dabei. Einer meiner Lieblingsorte war die Metro-Station nahe unserer Unterkunft. Dort saß ich oft stundenlang und porträtierte die Menschen, die auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig auf den Wartebänken Platz nahmen.
Da die Metro alle paar Minuten fuhr, wechselten ständig meine “Modelle” und ich hatte nicht viel Zeit, um deren Persönlichkeiten mit meinem Stift einzufangen. Es entstanden viele, viele Metro-Station-Skizzen. Aus einer meiner liebsten habe ich dann an der Hochschule eine Lithografie angefertigt.

Flashback #6

In dieser Pinselzeichnung tummeln sich viele kleine Monster.
Mit Hilfe dieser Illustration schaute ich mir meine inneren Monster (Angstmonster, Zweifelmonster, Mangelmonster, Mir-nichts-zutrauen-wollen-Monster und und und…) mal ganz genau an. Als ich sie zeichnete, machte ich sie mir bewusst und entlarvte sie als kleine Monsterchen, die eine Botschaft für mich haben. Mit Abstand betrachtet, wirken sie tatsächlich harmlos und gar nicht mehr so furchteinflößend. Es hat also geholfen! 🙂

Flashback #7

Diese freie Illustration entstand ganz zu Beginn meines Studiums.
Da klangen in mir wohl noch die Eindrücke meiner Reisen nach Prag nach. Ich bin in meiner Abiturzeit öfter mit einer guten Künstler-Freundin nach Prag gereist, wo wir Straßenszenen gezeichnet haben, kleine Hinterhof-Galerien besuchten und in Cafés saßen und Menschen beobachteten. Das war eine sehr schöne Zeit.
Der Stil, den ich dort in den kleinen Galerien fand, berührte mich zutiefst und ich machte innerlich eine Milliarde Fotos (damals hatte ich weder Handy noch Kamera!), die ich mir heute noch gern in meinem inneren Fotoalbum anschaue.

Ich mag diese Mischung aus Melancholie, Verträumtheit und Naivität. Da steckt so viel Sehnsucht drin… Prag und seine Hinterhof-Galerien-Künstler waren eins meiner größten Vorbilder und auch Lehrer. Aus ihnen habe ich unheimlich viel Inspiration geschöpft. Die Werke, die ich dort gesehen habe, halfen mir, den Ort in mir zu finden, an dem ich meine eigenen Bilder entdecken konnte. Dafür danke ich dieser Stadt und jedem einzelnen tschechischen Maler und Zeichner.

Flashback #8

Und wieder eine Reise-Zeichnung!
Hm, Ihr fragt Euch vielleicht langsam, ob ich während meines Studiums auch ab und zu in der Hochschule war… ja, ab und zu! 🙂
Ich war aber auch viel unterwegs. Wenn ich reiste, fand ich ein Stück Frieden. Ich vertiefte mich in andere Orte, nahm sie wahr, brachte sie auf meine Weise aufs Papier und machte so meine “Reisefotos”. Heute gibt’s dafür Smartphones. Doch es hat eine ganz andere Qualität, wenn man sich in einer fremden Stadt für eine halbe Stunde irgendwo auf einer Treppe, auf dem Bürgersteig oder auch in einem Café-Freisitz niederlässt und eine Zeichnung anfertigt von dem, was die Augen sehen und von allem, was die anderen Sinne wahrnehmen.
Diese Zeichnung entstand in Porto (Portugal). Es ist eine meiner persönlichen Lieblinge. Das Bild ist so lebendig. Es scheint, als würden die Linien der Häuser pulsieren und nicht aufhören, sich zu bewegen, auch nachdem sie lange schon auf dem Papier festgehalten wurden…

Flashback #9

Hier mal etwas ganz anderes: eine Zeichnung von einer Maschine. Es ist so lange her, dass ich Euch nicht mehr genau sagen kann, was das für ein Gerät ist. (Ich glaube, es diente irgendwie dazu, Kalorien zu messen oder so ähnlich…)
Die Zeichnung entstand, als ich während meines Studiums Bekannte besuchte, die als Forscher arbeiteten. Ich wartete in ihrem Labor, während sie etwas länger als geplant arbeiteten. Und um mich nicht zu langweilen, begann ich das Gerät, das vor meiner Nase stand, ganz genau abzuzeichnen. Es hat Spaß gemacht und sorgte bei den Forschern für große Begeisterung! Mich begeistert dieses Bild auch. Es ist so detailreich, und durch den gezeichneten Strich wirkt dieses technische Gebilde gar nicht mehr so starr, sondern fast lebendig. Das Original ist bei den Wissenschaftlern geblieben, doch ich habe mir eine Kopie gemacht, weil ich so glücklich über die gelungene Zeichnung war.

Flashback #10

Zum Abschluss teile ich noch eine freie Illustration mit Euch. Ohne Titel. Ich denke, das Bild spricht für sich. 🙂

Mit diesem letzten Flashback verabschiede ich mich für heute von Euch. Ich danke Euch, dass Ihr mit mir gemeinsam in die Vergangenheit gereist seid und freue mich über Euer Feedback.
Habt Ihr einen Flashback-Liebling? Gern könnt Ihr einen Kommentar unter dem Beitrag hinterlassen. Ich bin gespannt!

Eure Ulrike


24. Juli 2015

Posted In: Rückblicke & Einblicke

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7 Gedanken zum Artikel "10 Flashbacks – 10 Werke aus meinem Kunststudium"

  • Diana H. aus W. sagt:

    Liebe Ulrike, danke, dass du mich/uns alle mit auf diese kleine Bilder-Reise in deine Vergangenheit genommen hast. Ich liebe solche Art Zeitreisen! Die Zeichnung des Mädchens am Fenster gefällt mir mit am Besten, auch wenn sie mich ein kleines bisschen traurig macht. Wie sie da am Fenster steht und rausblickt, erinnert sie mich an eine nicht ganz so fröhliche Zeit in meiner eigenen Kindheit… Wir hatten damals in unserem Kinderzimmer lange Zeit einen ähnlichen Schrank wie auf deinem Bild, bei dem die linke Tür und die unterste Schublade irgendwann nicht mehr richtig zu hielten und deshalb ständig offen standen. Spannend, das hatte ich schon fast vergessen…

    Ich freue mich schon sehr auf die digitalen Bilder vom letzten Sonntag. Danke noch einmal auch für dieses tolle Erlebnis. Hab eine wundervolle Woche. Herzliche Grüße, Diana

  • Anita sagt:

    Liebe Ulrike,
    danke für deine Erinnerungsstücke und das Licht, dass nun auf die fällt.
    Mein “Lieblings”werk ist nach wievor das Bild der Küche – und die Idee zudem auch andere Küchen zu zeichnen. Es ist so NAH, genau vor unserer Nase: es braucht keine großen Reisen um derlei Schönes/Gemütliches/Interessantes zeichnen zu können.
    Für mich sindd Küchen besondere Orte: KommunikationsOrte; Treffpunkt aller in der Wohnung wohnenden Wesen; KreativRaum – da durch Kochen darin etwas erschaffen wird und oft der einzige & praktischste Kunst-Raum (den wer hat schon ein eignes Atelier?) in dem gekleckst, geknetet, gestaltet werden kann ohne das die Gefahr besteht auf Teppich/Möbel/Laminat zu kleckern.
    Dein Bild ist eine wunderbare Anregung diesen Raum wieder bewußter wahrzunehmen
    und ihn ebenfalls zu zeichnen… wo ist mein Skizzenbuch?!

    Liebe Grüße, Anita

  • Marcel sagt:

    Liebe Ulrike,

    Deine Begabung war schon immer außergewöhnlich ausdrucksstark Emotionen zu Papier zu bringen. Mir sind kürzlich Zeichnungen aus meiner Grundschulzeit in die Finger gekommen.
    Grüße nach Ragewitz
    Marcel

  • Antje Wolf sagt:

    Hallo, liebe Ulrike

    die erste und die zehnt Zeichnung, die gefallen mir am besten, kann mich da nicht entscheiden, tendiere aber eher zu der Küche.
    Wobei sie ja alle schön sind.
    Es ist wunderbar, dass du uns teilhaben läßt und uns einen Einblick gewährst.
    Hast du dir eigentlich auch Bilder eingerahmt? Und hängen diese dann in eurer Wohnung, das stelle ich mir toll vor.

    liebe Grüße aus Leipzig von Antje Wolf, die ja auch regelmäßig deine YouTube Videos schaut.

  • Sue Wonderland sagt:

    Liebe Ulrike,

    mein Liebling ist Flashback #6, weil es mich inspiriert, auch meine eigenen Monster mal zu entlarven u zu Papier zu bringen 🙂 außerdem finde ich sie sehr süß und gar nicht angsteinflößend. Die anderen Flashbacks – finde ich jedes für sich auch gaaanz toll! Ich bekomm’ die Idee, öfter mal was unterwegs zu skizzieren… DANKE Dir!

  • Marion sagt:

    Liebe Ulrike,

    ich bin begeistert! Was für eine Vielfalt und viel zu schade für die Tonne! Wie gut, das du sie aufgehoben hast!
    Es waren alles Entwicklungsschritte auf deinem Weg. Und wie liebevoll du sie mit deinen Worten geehrt hast,
    tut richtig gut von den einzelnen Stationen zu lesen. Sie offenbaren, welche Eindrücke du an den Orten gewonnen
    und verarbeitet hast.

    Deine Zeitreise hat mir sehr gut gefallen! Alle Bilder sind schön!

    Mein absolutes Lieblingsbild ist das mit dem Schachspiel! Genau so wie das bunte Weiblein hab ich mich oft gefühlt! Klasse umgesetzt!

    Ich wünsche dir viel Freude in deinen neuen Räumen, die du locker füllen wirst!

    Alles Liebe
    Marion

  • Hallo Ulrike, danke daß Du uns an Deinem Schatz teilhaben lässt. Mich persönlich sprechen die Flashbacks 6, 7 und 10 besonders an. 6, weil ich meine Patienten auch manchmal dazu ermutige ihre … Monster zu malen. 7, weil es mich an meine Kindheit erinnert und 10 weil es herrlich ist zu sehen was “andersbunt” zu sein für eine Reaktion auslöst….. Herrlich <3 Vielen Dank und liebe Grüße Claudia

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